★ Das Zauberwürfel-Affen-Ritual

Als ich in Berlin lebte, führte die Stadt Gesetze zur Mietpreisbegrenzung ein. Die Folge war, dass das Angebot an Mietwohnungen sank und es immer schwieriger wurde, eine Unterkunft zu finden. Das Problem wurde, dass auf jede neue Wohnung am Markt hunderte Bewerber kamen. Ich war bei so vielen Besichtigungen, bei denen sich schon bei meiner Ankunft eine Schlange bis auf die Straße gebildet hatte. Wenn der legale Markt die Nachfrage nicht mehr bedienen kann, finden die Menschen „kreative Umgehungsmöglichkeiten“. Da die Vermieter unter so vielen Bewerbern wählen konnten, stiegen die nicht-monetären Forderungen. Das führt zu Missbrauch: Du willst die Wohnung? Dann musst du sie vor dem Einzug auf eigene Kosten renovieren. Schwarzmärkte entstanden, auf denen man illegal zum Beispiel schimmelige Keller zu astronomischen Preisen mieten kann. Die Lage ist verzweifelt.

Nachdem ich nun nach Barcelona gezogen bin, hat auch diese Stadt Gesetze zur Mietpreiskontrolle eingeführt. Und ich fange an, hier dieselben Symptome des Mangels zu beobachten. Neben Berlin und Barcelona gibt es noch mehr Städte, die in dieselbe Falle getappt sind: Mietpreisstopp führt zu sinkendem Angebot führt zu all den hässlichen Folgen eines Mangels.

Was mich stutzig macht, ist Folgendes: Warum machen wir immer wieder denselben Fehler? Bisher war die Antwort, die ich am überzeugendsten fand, eine Mischung aus mangelndem wirtschaftlichem Verständnis in der Wählerschaft und einfachen kurzfristigen „Lösungen“, die von Politikern verkauft werden. Aber diese Erklärung hat mich nie ganz zufrieden gestellt. Wäre es nur ökonomisches Unwissen und Kurzfristigkeit, würde ich nicht erwarten, dass es immer exakt zur selben Art von Preisregulierungs-Gesetzgebung führt. Wäre es nur Inkompetenz, würde ich erwarten, dass Städte auf der ganzen Welt mit verschiedenen Arten von Lösungen experimentieren und diese umsetzen. Wäre es so, hätte durch reinen Zufall vielleicht sogar jemand eine echte Lösung gefunden. Aber genau das scheint nicht zu passieren.

Mir wurde klar, dass ich erst an der Universität etwas über Angebot und Nachfrage gelernt habe, und das auch nur, weil ich BWL studiert habe. Daher kann man wohl mit Sicherheit sagen, dass ein großer Teil der vermeintlich vergleichsweise gut gebildeten deutschen Öffentlichkeit noch nie von Angebot und Nachfrage gehört hat. Aber es gibt wahrscheinlich hunderte TikTok-Videos, die diese Grundkonzepte der VWL erklären – etwa, wie Preise durch Angebot und Nachfrage entstehen. Auch wenn das der entscheidende Schlüssel sein mag, um das grundlegende Problem von Preiskontrollen zu verstehen, scheint die Verfügbarkeit dieser Information nicht das Problem zu sein.

Ein weiteres Problem mit der Erklärung „es ist die Unwissenheit“ ist, dass sie unvollständig wirkt. In der Politik hört man oft die Ansicht, Wähler würden manipuliert, seien getäuscht oder würden „gegen ihre eigenen Interessen wählen“. Lustigerweise ist dieses Urteil fast immer den Anhängern gegnerischer Ideologien vorbehalten, nie dem eigenen Lager. Lassen wir uns also nicht auf dieselbe Falle ein und vermeiden wir allzu simple „sie sind unwissend und werden manipuliert“-Erklärungen.

Während ich ein Video über emergente Komplexität sah, kam mir ein Gedanke: „Was, wenn das Problem nicht das Verständnis von Angebot und Nachfrage ist, sondern ein Mangel an Demut gegenüber Dingen, die wir nicht vollständig verstehen können?“ Ich begann, einen Post zu schreiben, in dem ich untersuchte, warum die Wirtschaft eine völlig andere Art von Komplexität aufweist als zum Beispiel ein Automotor.

Aber wie du vielleicht schon bemerkt hast, bringt mich das wieder zum selben Problem zurück. Ein Mangel an Verständnis würde meiner Meinung nach nur fehlgeleitete, aber unterschiedliche Versuche erklären, ein Problem zu lösen. Wenn man 100 Affen jeweils einen Zauberwürfel gäbe und von ihnen erwartete, ihn zu lösen, würde man vermutlich viele verschiedene Versuche sehen. Es wäre seltsam, wenn sie alle auf exakt die gleiche Weise daran scheitern würden. Und es wäre noch seltsamer, wenn man den Affen erlauben würde zu beobachten, wie die vorherigen Affen gescheitert sind, und sie trotzdem alle dieselbe scheiternde Strategie versuchten. Aber wenn unsere Affen denselben Fehlversuch wiederholen, muss es einen Grund geben, den wir bisher übersehen haben. In der Zwischenzeit – nur um sicherzugehen, dass es nicht an mangelndem Wissen liegt – zeigen wir ihnen kurze Tutorial-Videos von Menschen, die den Zauberwürfel lösen.

Schließlich stieß ich bei der Recherche für den Post über emergente Komplexitätauf einen Hinweis, was mir fehlte. Aber zuerst müssen wir einen Umweg über den Stall machen.

Ich habe die antikapitalistische Rhetorik der extremen Linken und der extremen Rechten schon immer als klanglich sehr ähnlich empfunden. Wohlgemerkt, ich kann nur für Deutschland und Spanien sprechen, die beiden Länder, deren politisches Geschehen ich halbwegs verfolge. Diese Ansicht wird Hufeisentheorie genannt: Die politischen Ränder haben viel gemeinsam; das politische Spektrum ist ein Hufeisen.

René Girard argumentierte, dass zwei politische Gruppen, die sich intensiv bekämpfen, irgendwann ihre inhaltlichen Differenzen verlieren und zu Spiegelbildern voneinander werden. Er nannte sie mimetische Doppelgänger. Jede Seite behauptet, das moralische Gegenteil der anderen zu sein, aber während sich die Rivalität aufheizt, kopieren sie die Taktiken, die Rhetorik und die Anschuldigungen des jeweils anderen. Ihr gegenseitiger Hass lässt sich besser durch das erklären, was sie gemeinsam haben, als durch das, was sie trennt. Aus dieser Perspektive sind die extreme Rechte und die extreme Linke Spiegelbilder, die im Konflikt stehen, weil sie um denselben antikapitalistischen Wähler konkurrieren, der nach radikalem Wandel sucht. Girard identifizierte auch den rituellen Sündenbock-Mechanismus als den Weg, über den diese politischen Gruppen ihre interne Einheit wahren. Eine politische Gruppe fühlt sich oft nicht dann am einigsten, wenn sie einer politischen Maßnahme zustimmt, sondern wenn sie sich zusammenschließt, um einen bestimmten Sündenbock auszustoßen oder zu dämonisieren.

Während ich das Links-Rechts politische Paar mimetischer Doppelgänger erkannte, habe ich ein anderes Paar mimetischer Doppelgänger offenbar übersehen. Ich hielt moderne linke Hyperliberale und klassische liberale Marktwirtschaftler immer für grundverschieden. Linke wollen für soziale Gleichheit in Märkte eingreifen; klassische Liberale wollen Märkte in Ruhe lassen, um Wohlstand zu erzeugen. Linke wollen Kontrolle darüber, was gesagt wird; klassische Liberale verteidigen die Meinungsfreiheit. Linke wollen einen großen Umverteilungsstaat mit hohen Steuern; klassische Liberale wollen niedrige Steuern und einen schlanken Staat. Und so weiter und so fort.

In meinem Kopf waren die Unterschiede zwischen Linken und klassischen Liberalen so groß, dass ich nicht auf die Idee gekommen wäre zu untersuchen, was sie gemeinsam haben. Und das, obwohl – peinlicherweise – in den USA beide „Liberals“ genannt werden. Das änderte sich erst, als ich kürzlich auf den zeitgenössischen Philosophen John Gray stieß. Gray untersucht deren gemeinsame Wurzeln in seinen neueren Büchern und Essays. Er identifiziert die Philosophie von John Stuart Mill (1806-1873) als eine der gemeinsamen Wurzeln von klassischen Liberalen und linken Hyperliberalen.

„Teile seines Werks ‚Über die Freiheit‘ (1859) lesen sich wie die Fantasie eines Übermenschen, betrachtet durch ein gutbürgerlich-moralisierendes Prisma. Für Mill bedeutete Fortschritt die Förderung eines höheren Menschentyps, der ‚Individualität‘ an den Tag legte. Das Ziel für jeden war es, sich als einzigartige Persönlichkeit zu verwirklichen. Übertragen durch die Bloomsbury-Intelligenzija und widerhallend in der Kulturrevolution der Sechzigerjahre, ist Selbstverwirklichung zum zentralen liberalen Wert geworden. Menschen müssen in der Lage sein, aus sich zu machen, was immer sie wollen.“

– John Gray in Why I am not a post-liberal

Linke Hyperliberale und klassische Liberale haben gemeinsame intellektuelle Vorfahren und könnten in der Gegenwart mimetische Doppelgänger sein. Beide Lager teilen einen fundamentalen, fast religiösen Glauben an den Rationalismus und den Fortschritt – die Idee, dass die Geschichte eine Richtung hat. Sie unterscheiden sich darin, wie sie diesen Fortschritt fördern wollen, aber sie glauben beide fest daran.

Gray argumentiert in seinem Buch The New Leviathans sogar, dass die Wurzel des Liberalismus das Christentum ist, was über 2.000 Jahre zurückreicht. Er behauptet, dass die prägenden Ideen des liberalen Denkens Fortsetzungen des christlichen Monotheismus sind.

„Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen.“

— 1. Timotheus 6,10 (Luth)

Im Christentum wird Habgier als schwerwiegendes moralisches Versagen behandelt. Da der Liberalismus aus einem christlichen Moralsystem hervorgegangen ist und da das rituelle Sündenbock-Prinzip eine mächtige Kraft bleibt, wird jemand, dem man Gier vorwerfen kann, zum idealen Sündenbock Kandidaten.

Wir haben jetzt alles was wir brauchen für eine bessere Antwort auf unsere Ausgangsfrage: Warum hat Barcelona eine Mietpreis-Gesetzgebung eingeführt, die zum Scheitern verurteilt war? Warum haben Meinungsmacher die toxischen Nebenwirkungen früherer Mietpreisstopps verschwiegen? Und was ist mit unseren Affen? Haben sie die Tutorial-Videos bemerkt?

Unsere hinterlistigen Affen wiederholen die gleichen Züge deshalb immer wieder, weil es gar nicht ihr Ziel ist, den Zauberwürfel zu lösen. Um ehrlich zu sein: Ich glaube, sie scheren sich einen feuchten Dreck darum, diese Würfel zu lösen. Ich meine, die Videos sind ja da, falls sie sich für die Lösung interessieren würden. Wir haben sogar ansprechende Videos über Bananen untergemischt, die ihre Aufmerksamkeit hätten wecken sollen. Aber sie sind beschäftigt. Sie bereiten sich darauf vor, ein Ritual abzuhalten, das ihre Gruppe eint. Für dieses Ritual werden sie auch unsere Würfel benutzen. Sie haben einen Sünder gefunden und werden ein Opfer bringen, um Erlösung zu erlangen.

Das Mietpreis-Gesetz ist ein erfolgreiches Ritual. Es erfüllt seinen wahren Zweck perfekt: die vereinende Sündenbock-Suche des „gierigen Vermieters“. Ermöglicht wird dies durch einen liberalen, im Christentum verwurzelten Glauben an den Fortschritt: die Überzeugung, dass die Welt ein Problem ist, das gelöst werden muss, und dass diese Lösung durch den Fortschritt selbst garantiert ist. Dieser Rahmen ermöglicht eine moralische statt einer ökonomischen Lesart der Wohnungskrise.

Das Scheitern der Mietpreiskontrolle – die Schwarzmärkte, die Warteschlangen, der Missbrauch – ist die unbequeme, profane Realität. Aber die politische Realität ist, dass das Gesetz erfolgreich eine moralische Funktion erfüllt. Es bestätigt den gemeinsamen liberalen Glauben an den Fortschritt, indem es den designierten Sünder identifiziert und dafür bestraft, dass er der Selbstverwirklichung im Weg steht. Und die Strafe ist die Mietpreiskontrolle. Sie wird in Berlin und Barcelona fast identisch wiederholt, weil die zugrunde liegende christliche Mythologie im gesamten Westen die gleiche ist. Mit blendender Gewissheit glauben die Teilnehmer, dass sie Gerechtigkeit üben, während sie gleichzeitig Leid für genau jene Menschen schaffen, denen sie zu helfen vorgeben.


Vielen Dank an E für das Lesen eines Entwurfs dieses Essays und das Feedback. Ebenfalls danke an Grok für das gnadenlose „Roasten“ früherer Versuche.

Ich freue mich über jede Art von Feedback oder Gedanken! Ich nehme auch Übersetzungen an, falls der Essay in weiteren Sprachen verfügbar sein soll. Um mich zu kontaktieren, sende mir bitte eine E-Mail an:

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Ja, wirklich.